Gletschertour Wildspitze 3.768m vom Pitztal

 

Mit großer Aufmerksamkeit laufe ich auf dem Gletscher dem Bergführer Raphael hinterher. Schaue, dass das Seil zwischen meinem Vorder-  und Hintermann jeweils in der Mitte leicht auf dem Boden aufkommt. Es ist gar nicht so einfach diese Balance zu halten. Mal zieht der Vordermann und das Seil strafft sich, also versuche ich nach vorne aufzuholen, mal strafft sich das Seil mit meinem Hintermann und ich versuche langsamer zu gehen.

Wenn das Seil zwischen den Bergsteigern nicht gespannt ist, kann der Sturz in eine Spalte erst viel später aufgefangen werden. Dies hat zur Folge, dass der Fallende tiefer in die Spalte rutscht und ein stärkerer Ruck auf die Seilschaft wirkt. Letztendlich müssen alle am Seil im exakt gleichen Tempo laufen. Je größer die Seilschaft umso schwieriger wird es. Aber um so sicherer ist es. Die optimale Seilschaft besteht aus vier Personen. Moment, aber: Je weniger desto besser beim Gehen. Wiederum: Je mehr desto einfacher bei der Spaltenbergung.  

Durch ein Labyrinth aus Spalten

Wir sind in einer 7er Seilschaft + Bergführer unterwegs. Für manche, dazu zähle ich ebenso, ist es Neuland in einer Seilschaft auf einem Gletscher zu gehen. Lachend und gleichzeitig konzentrierend laufen wir hintereinander her. Die ersten Gletscherspalten übersteigen wir.

Zack.. Es ruckt am Seil, Rufe kommen von hinten. Die kleinste Leichteste aus unserer Seilschaft verschwindet in einer Spalte. Abrupt bleibt unser Bergführer stehen und ruft uns zu, dass wir stehen bleiben sollen und dabei das Seil gestrafft ist. Mit großen Augen schauen wir zur Spalte.  „Versuch dich rauszuziehen, gleichzeitig ziehen wir dich raus.“ ruft er ihr zu. Aus der Spalte ertönt dagegen „Es klappt nicht, es ist einfach zu rutschig.“

Mit kurzen Anweisungen gibt er uns an, die vor ihr in der Seilschaft sind, energisch zu ziehen und sie aus der Spalte herauszuholen. Trotz ihres Leichtgewichts müssen wir kräftig ziehen, bis sie langsam an der Schneeoberfläche erscheint und wieder stehen kann. „Es ist alles in Ordnung.“ sagt sie. „Mir geht es gut.“

Leicht betröppelt marschieren wir in der Seilschaft weiter, mit noch mehr Respekt dem Gletscher gegenüber und seinen unberechenbaren Spalten. Jeder ist konzentriert und achtet darauf, nicht derjenige zu sein, der als nächstes den Sprung oder Schritt nicht über die Spalte schafft. Bis es doch wieder einen Ruck gibt und der Nächste a bissi in der Spalte hängt.

Raphael erzählt uns, dass in diesem Jahr der Mittelbergferner einiges mehr an Gletscherspalten hat. Das beruhigte uns ungemein.

Als wir oberhalb unserer Spur ein Feld von Séracs (Turmaufbauten aus Gletscher­eis) passieren, erklärt uns Raphael, dass wir hier nicht länger stehen bleiben sollten. Andächtig schauen wir auf die Gletschereistürme. Es knackt und es fällt ein kleiner Eisbrocken herab. Eilig marschieren wir im Gänsemarsch weiter.

Seracs und ihre Entstehung
Seracs sind steile und hochaufragende Türme aus Gletschereis. Vorzufinden sind sie in Eiswänden oder steilen Gletscherhängen.

Ihre Entstehung ist auf die Fließbewegung des Gletschereises zurück zu führen. Durch den Zug und Druck auf das Eis – insbesondere an den Übergängen von flachem zu steilem Gelände und bei unebenem Untergrund – kann es zum Aufbrechen und Zerbersten des Eises kommen. Die dadurch neu formierten Eisgebilde werden vom nachschiebenden Gletschereis nach oben geschoben und ragen beeindruckend in die Höhe. Ausschnitt aus www.bergleben.de/news/a/604105/seracs-aus-eis-gefährliche-Schönheit

Links erkennt man die Seracs.

Nach dem erfolgreichen Übergehen des Gletscherspaltengebiets Mittelbergferner, steigen wir auf zum Mittelbergjoch auf 3.166m und schwenken nach links Richtung Hinteren Brochkogel. Unterhalb diesen Berges steigen wir langsam weiter der Wildspitze entgegen. Mit lautem Gepolter falllen kleine Steine vom Hinteren Brochkogel herab und unterbrechen die Stille. Hin und wieder schaue ich hinüber und vergewissere mich, dass es nicht doch ein großer Brocken ist, der sich bei uns einreihen möchte. Nein, definitiv krachen kleine Steine herab. Beruhigt konzentriere ich mich wieder auf meine Schritte und blinzel zur Wildspitze hinauf.

Ein paar Gletscherspalten überwinden wir auch hier. Diese sind aber rechtzeitig zu sehen und nicht sehr breit zum Übergehen. Die letzten Meter bis zum felsigen letzten Anstieg geht es nochmal ein wenig steiler bergan.

Rückblick. Links der Hintere Bruchkogel.

Geschafft – noch nicht ganz. Den Schnee haben wir hinter uns gelassen, nun geht es über Blockwerk und Gestein über einen schmalen Pfad zum Gipfelkreuz. Bevor wir aufsteigen kürzt Raphael die Seillängen zwischen uns. Hier sollte das Seil nicht schlaff hängen, sondern kann straffer sein. Los geht es. Es ist gar nicht so einfach mit einem noch kürzeren Seil über Blockwerk zu laufen.

Die letzten Schritte, das Grinsen in unseren Gesichtern wird immer größer. Yeahh – Ziel erreicht. Das Wetter hätte uns heute auch einen Strich durch die Rechnung machen können, aber es hielt wunderbar.

Am kurzen Seil den steinigen Weg bergan.
Gipfelkreuz Wildspitze. Drumherum Nebel. Egal, wir sind oben. 🙂

Unsere zweite Seilschaft musste auf halben Wege umdrehen. Dies erfuhren wir im Nachhinein. Eine Gletscherspalte war der Auslöser. Es fiel jemand bis auf den Eisboden der Gletscherspalte, ca. 6 Meter tief. Es ist nichts passiert, ihm geht es gut. Die Hauptsache! Seine Kleidung war dementsprechend nass und die Sonne viel zu schwach hinter den Wolken, um ihn zu wärmen.

Die Aussicht von der Wildspitze

Der Doppelgipfel überragt seine Umgebung und dominiert die hochalpine Szenerie. Über 50 Dreitausender Richtung Italien, Deutschland, Schweiz erblickt man von der Wildspitze. Leider war es bewölkt und wir sehen nur hin und wieder die Berge in der Weite.

Die Wildspitze ist mit 3.768 Meter Höhe der höchste Berg Nordtirols und der Ötztaler Alpen und nach dem Großglockner der zweithöchste Berg Österreichs.

Blick hinab auf die Aufstiegsspur von der wir auch kamen. Links der Hintere Brochkogel 3.635 m. Im Hintergrund der schroffe Kaunergrat.
Blick zum Nordgipfel mit dem Verbindungsgrat.
Sicht zur Weißkugel 3.739m. Großartiger Blick nach Südosten.

Abstieg über den Taschachferner

Bevor sich weitere Wolken am Himmel zusammenballen, gehen wir wieder über das Blockwerk hinab und passieren wieder die Schnee- und Gletscherspaltenfelder des Mittelbergferners. Wir hatten beim Abstieg mehr Sorge, dass nun die Spaltenfallen häufiger sein könnten. Dem war nicht so, es rutschte keiner in eine Spalte.

Wir lasssen den Mittelbergferner hinter uns und steigen weiter über den riesigen Eisstrom des Taschachferners hinab. Es wird grauer am Himmel. Es beginnt zu regnen. Wir halten an und ziehen uns kämpfend gegen den Wind die Regenjacken über. Raphael spornt uns nun an ein wenig schneller zu gehen, bevor das Wetter noch schlechter wird. Wiederum haben wir Glück. Die Regenwolken verziehen sich. Wir haben Zeit uns beeindruckende schöne rauschende Gletscherspalten näher anzusehen.

Einfach beeindruckend diese Gletscherpalten mit ihrem rauschendem glasklaren Wasser.
Rückblick auf den Taschachferner.
Der Abstieg zu unserer Übernachtungshütte, dem Taschachhaus, zieht sich. Meine Füße merke ich so langsam und bin froh als wir von der Gletscherzunge herunter stapfen. Das Taschachhaus erkennen wir bereits. Es empfängt uns mit Sonne und die dicke Wolkenschicht löst sich langsam zu einem weiß-blauen Himmel auf. 
Taschachferner. Im Hintergrund Raphael, der das Seil im Gletscherwasser wäscht.

Taschachferner

Der Taschachferner befindet sich am Südende des Pitztals in den Ötztaler Alpen. Bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts bestand er aus zwei unterschiedlich grossen Teilen im Nordwesten und Nordosten der Petersenspitze (3482m). Durch den Gletscherschwund verloren diese den Kontakt zueinander, so dass heute ein östlicher (grösserer) und westlicher Taschachgletscher existiert. Zwischen den beiden Gletschern bildete sich nach 2003 ein schöner Gletschersee.

Blick auf den östlichen Taschachferner.
Befreit von dem Seil wandern wir noch mal kurz ansteigend, dann sachte abwärts hinab zum Taschachhaus.
Steinmandl weisen den Weg.
Fröhlich werden wir von unserer zweiten Seilschaft auf der Terrasse begrüßt. Shakehands für die Einen, Bedauern für die Anderen. Gemeinsam stoßen wir mit frischen hopfenhaltigen Getränken an.
Das Taschachhaus eingebettet in einer fantastischen Hochgebirgslandschaft.

Taschachhaus 2.434m

liegt am nördlichen Fuß des Urkundkopfs im hinteren Pitztal, 30 Gehminuten vom Taschachferner entfernt.

Die Alpenvereinshütte verfügt über vier Gaststuben mit ca. 160 Sitzplätzen, 38 Zimmerlager und 114 Matratzenlager. Die Hütte bietet großen Komfort: Zwei- und Vierbettzimmer, die zum Teil mit Waschbecken ausgestattet sind, kleine Lagereinheiten (mit drei bis maximal zwölf Plätzen) und Etagenduschen.

Webseite – www.taschachhaus.com/

Nach acht Stunden Bergerlebnis sitzen wir später bei herrlichem warmen Drei-Gang-Menü und kühlen Blonden in der Gaststube des Taschachhaus bevor wir platt und glückselig unsere Betten à la Hochbetten im 4er Zimmer beziehen.
Welch grandiose Bergwelt.

Erlebnisberichte der anderen Teilnehmer

Michael von der Nürnberger Zeitung hat weitere geniale Fotos in seinem Bericht  – Zweithöchster Gipfel: Mit Bergführern auf die Wildspitze

 


Infos rund um die Wildspitze

Aufstiegsvarianten

  1. von Norden Pitztal  (unsere Tour) – Auffahrt Pitztaler Gletscherbahn auf 2.840m – Mittelbergferner – Mittelbergjoch 3.166m – Wildspitze 3.768m (ca. 1.000 Höhenmeter, ca. 4 Stunden Aufstieg)
  2. von Süden Ötztal –  Ort Vent – Breslauer Hütte 2.844m – Mitterkarjoch 3.470m – Wildspitze 3.768m  (Tourbeschreibung findest du hier —> www.bergzeit.de/magazin/wildspitze-hochtour-normalweg)
  3. Gletscherbahn-Parkplatz in Mittelberg Pitztal – Taschachhaus Ötztal 2.434m – Taschachferner

Info Bergführer

Die örtlichen Bergführer bieten täglich Touren auf den eleganten Doppelgipfel an, die entsprechende Ausrüstung kann dabei kostenlos ausgeliehen werden.

Bergführervereinigung Pitztal


Info Gletscherexpress Pitztal & Skigebiet

Wildspitzbahn – Pitztal


Andere Berichte

Wolfgang Nairz und Tashi Tenzing Sherpa – Erfahrungsbericht aufs Dach von Tirol

Vier Mädels auf der Wildspitze – Blog Pitztal

Alpin.de sicher am Berg – So bewegen Sie sich sicher über einem Gletscher


Weitere Impressionen unserer Tour


– Dieser Bericht entstand im Zuge einer Pressereise und wurde von Judith von Kunz-PR.com und Nathalie vom Tourismus Pitztal organisiert. Mein Beitrag spiegelt meine persönliche Meinung wider. Was mir nicht gefällt, wird auf den Tisch gebracht! –

Vielen Dank für das tolle Erlebnis.

Tour 23.07.2017

10 thoughts on “Gletschertour Wildspitze 3.768m vom Pitztal

  1. Tolle Tour und sehr schöne Bilder die du da geschossen hast. So etwas vergisst man sein Leben nicht. Gletscher hab ich noch keinen gemacht, das ist mir zu gefährlich, da ich immer alleine on Tour bin.
    Aber die Eindrücke und dein Bericht sind großartig!

    VG

    Jürgen

    1. Hallo Jürgen,
      das erste mal in einer Seilschaft auf einem Gletscher unterwegs. Und dann noch diese Gletscherspalten. Das vergisst man nicht. 🙂 Klasse war es. Es war der erste Versuch und der glückte sogar. Einer unserer Teilnehmer startete bereits den 3. Versuch. Und auch dieser scheiterte. Hauptsächlich wegen dem Wetter oder Gletscherspalten. Viele Komponenten müssen einfach zusammen passen. Wir waren ein super Team. Hatten ein tollen Bergführer. Oafach guat war es. 🙂

      Vielen Dank für dein Lob. Das freut mich 🙂
      LG Conny

  2. Wow, bestimmt ein supertolles Erlebnis. Du schreibst so klasse, dass man direkt Lust bekommt mitzugehen. Auch deine Fotos sind absolut spitze . Wir waren jetzt das 3. Jahr in Folge im Ötztal. Am Donnerstag ging es aber leider schon wieder zurück nach Hause. Ich mag die Landschaft unheimlich gern. Bisher sind wir immer für uns allein gewandert, zwar manchmal anstrengend, aber noch nie richtig anspruchsvoll. Dafür haben wir in diesem Jahr erstmals Murmeltiere und Gemsen fotografieren können. Voriges Jahr sind wir von Vent zur Breslauer Hütte gegangen und haben die Wildspitze nur von ganz weiten gesehen. Einfach grandios…vielleicht wagen wir es ja auch einmal…reizen würde es mich schon.
    Dir noch einen tollen Urlaub und sei immer schön vorsichtig.
    LG _akinom_

    1. Hallo liebe Moni,
      das freut mich zu lesen, dass es Spaß macht meinen Bericht zu lesen. 🙂
      Ein Gletschergebiet zu erleben ist einfach nur schön. Gerade die Blicke in eine Gletscherspalte, wow, beeindruckend. Mit einem Bergführer ist es wunderbar zu meistern. Das schafft ihr. Er weist euch ein und kennt diese Tour wie seine Westentasche. Vielleicht lasst ihr euch ja von eurem Reiz dazu hinleiten ;-).
      Wünsche euch auch weitere schöne Bergerlebnisse und passt ebenso gut auf :).
      Liebe Grüße. Conny

    1. Hallo Joe,
      naja ein paar Hochtouren habe ich ja schon gemacht. Nur noch keine Gletschertour in Seilschaft. 😀 Ein wunderbares Erlebnis.
      Du bist ja ein alter Hase. 😉 9 Tage Hochtouren. Beeindruckende Bilder hast du in deinem Bericht.
      LG Conny

  3. Glückwunsch zu dem Gipfelerfolg.
    Ich selbst war als 15 Jähriger 1975 auf dem Gipfel. Es stimmt mich sehr traurig, den Berg in solchem Zustand zu sehen. Zu meiner Zeit waren die Grate noch scharfe Firnschneiden.
    Tja, alles ist vergänglich!
    LG
    Heinz

    1. Hallo Heinz,
      ui 1975. Da hast du ein beeindruckenderes Gebiet vorgefunden. Einen großen Gletscher. Keinen wie heute, der sich immer mehr und mehr zurück zieht. Das erkennt man sehr gut an dem Taschachferner. Von welcher Seite bist du hinauf zur Wildspitze, von Vent Ötztal oder Pitztal?
      Liebe Grüße & danke fürs Vorbeischauen 🙂
      Conny

  4. Hi Conny,

    wow, sehr cooler Bericht und beeindruckende Bilder. Das hat mega Spaß gemacht zu lesen 🙂

    Ja, die Wildspitze steht bei uns auch noch an. Das Zeitfenster ist halt immer recht eng, vor allem, wenn man noch im Büro seinen Pflichten nachkommen muss 🙁

    Liebe Grüße
    Flo

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