Barfuß laufen – Warum? Ein Interview mit Eva & Wolfgang

Warum Barfuss gehen? 

Zuhause auf dem Teppich, auf dem Balkon oder auf dem Rasen und ganz besonders am Strand gehen wir barfuß. Aber sonst? Kannst du dir vorstellen Barfuß durch die Stadt zu laufen oder einkaufen zu gehen? 

Ich eher nicht. Ich hätte mehr Angst, dass ich in etwas Scharfes rein trete. Genau dieser Gedanke ist falsch!

Schließlich beginnst du Radfahren auch nicht von null auf hundert. Es gibt Stützräder, die dich langsam ans Fahrradfahren gewöhnen bis du das Gleichgewicht hast ohne Stützräder fahren zu können.

Und so etwas gibt es auch für Barfüßer. Es gibt sogenannte Minimalschuhe, wie Wolfgang es unter anderem nachfolgend beschreibt. 

Eva und Wolfgang sind leidenschaftliche Barfüßer. Ich habe sie ein wenig gelöchert zum Thema Barfuß gehen. 


Wie lange geht ihr schon Barfuß?

Eva: Ich seit 4 Jahren

Wolfgang: Ich bin jetzt 7 Jahre barfuß.

Verstehe ich das richtig, ihr tragt in eurem Alltag keine Schuhe mehr? Seid barfüßig einkaufen, in der Arbeit und abends unterwegs?

Jepp, wir sind immer barfuß – beim Einkaufen und abendlichen Ausgehen sowieso, also auch im Theater, auf Festivals oder im Sternerestaurant. Auch beruflich können wir barfuß voll durchstarten: Wolfgang ist Rentner und ich bin selbstständig mit Kundenkontakt. Auch hier gab es bis jetzt, wenn es überhaupt jemand zur Kenntnis genommen hat, nur positive Resonanz.

Wie kamt Ihr auf die Idee nur noch barfuß zu gehen?

Eva: Das war ganz unterschiedlich bei uns zweien. Ich habe schon als junges Mädchen auf Bergalmen gearbeitet und dort bereits ganze Sommer barfuß verbracht. Die Erinnerung an das unbeschreibliche Gefühl der Freiheit ermunterte mich dann, diese Lebensweise wieder aufleben zu lassen.

Wolfgang: Bei mir war es völlig anders. Mich erwischte Anfang 2012 eine plötzliche, schwere Krankheit. Das war eine Art Weckruf. Ich hinterfragte mein bisheriges Leben und stellte fest, dass die Work-Life-Balance völlig aus dem Ruder gelaufen war. Als Folge richtete ich mein Leben neu aus und achtete mehr auf mich. Barfuß bin ich schon immer gern gelaufen, aber nur zu Hause und am Strand, wie alle eben. Nach dem Erlebnis einer Wattwanderung entschied ich mich dann in einem schrittweisen Prozess, dauerhaft auf Schuhe zu verzichten.

Habt ihr überhaupt noch Schuhe zuhause?

Wolfgang: Oh ja, sogar eine ganze Menge, wenn ich’s genau bedenke. Unsere herkömmlichen Schuhe mit Absatz, starrer Sohle und Fußbett haben wir allerdings bis auf einen kleinen Restbestand entsorgt, oder wie ich immer spaßeshalber sage, an jemanden verschenkt, den ich nicht leiden kann. Ich hab z.B. noch zwei paar Bergschuhe, die ich allerdings nur einmal nach einer Prellung der Plantarfaszie für kurze Zeit eingesetzt habe. Der Rest sind einige Paar unterschiedlicher Minimalschuhe, oder Barfußschuhe, wie der Handel sowas nennt.

Eva: Und natürlich unsere Tanzschuhe! 🙂

Was sagte euer Umfeld dazu?

Wolfgang: Die meisten fanden und finden es einfach nur cool. Bei meinen Töchtern stellte sich heraus, dass sie an warmen Tagen schon immer barfuß durch die Stadt gelaufen sind, ohne groß davon zu reden. Das wusste ich lange Zeit gar nicht. Dem Rest der Familie war es ziemlich egal. Genervt habe ich mein Umfeld höchstens mit häufigen Gesprächen mit Menschen, die mich auf die bloßen Füße ansprachen. Die immer gleichen Antworten auf die stets gleichen Fragen… In dem Punkt hab ich mich aber gebessert…

Eva: Bei mir ist es ähnlich. Im Grunde erfahren wir nur positive Rückmeldung. Besonders bei Begegnungen auf unseren Bergtouren in alpinem Gelände hören wir zumeist ein „Respekt“. Wer sich hier mit uns unterhält, zeigt wirkliches Interesse, dass über die normalen Floskeln hinaus geht.

Habt ihr das Gefühl, dass es mehr Barfüßer werden?

Wolfgang: Nein, definitiv nicht. Was sich jedoch gesteigert hat, ist das Bewusstsein, dass Barfußlaufen gesund ist. Das bekommen wir auch häufig als Kommentar zu hören. Die Leute wissen, dass es gesund ist, aber sie machen es trotzdem nicht. Da bestehen noch hohe Barrieren in den Köpfen. Konventionen. Angst vor Verletzungen.

Welcher Untergrund ist am „Wohlfühlsten“?

Wolfgang: Eine schwere Frage. Es gibt so viele tolle Untergründe. Z.B. regenfeuchter Lehm, leicht sandige Böden, Waldböden mit Tannennadeln, Wiesen… Das Gefühl ist immer anders und immer himmlisch.

Eva: Auch in der Stadt gibt es viele angenehme Untergründe, wie z.B. Asphalt mit hohem Bitumenanteil oder die Böden in den meisten Büros und Geschäften wie Marmor, Kalkplatten, Fliesen, Holzböden oder Teppichen…

Unterwegs zum Gipfel Thaneller – barfuss.

Wie fängt man damit an?

Wolfgang: Indem man Schuhe und Strümpfe auszieht. So einfach ist das. Wichtig ist, dass man es nicht gleich übertreibt. Am besten beginnt man auf freundlichen Untergründen. Erdige Waldwege sind z.B. toll. Auf denen kann man schon am Anfang ein, zwei Kilometer problemlos laufen. Bei Asphalt sollten es anfangs nur ein paar Hundert Meter sein, weil sich Einsteiger darauf leicht Blasen laufen. Die Dosis kann man dann langsam steigern. Wichtig ist es auch, nicht mehr hart mit der Ferse aufzutreten wie bisher. Das Gewicht sollte beim Aufsetzen mehr auf dem ganzen beziehungsweise dem vorderen Fuß liegen. Auch die Psyche braucht den langsamen Einstieg. Wer da Probleme hat, sollte da anfangen, wo es nicht so viele Menschen gibt, und dann langsam vortasten. Natürlich ist das individuell sehr verschieden.

Gibt es Grenzen?

Wolfgang: Klar gibt es die. Wir wollen ja keine Barfuß-Dogmatiker sein, sondern wir empfinden unsere Barfüßigkeit als Steigerung der Lebensqualität. Barfußlaufen soll z.B. nicht der Gesundheit schaden oder in ein Martyrium ausarten. Wir wollen andere Menschen nicht in eine unangenehme Situation bringen, die schlicht unakzeptabel ist. Wir respektieren natürlich Sicherheitsvorschriften oder Hausordnungen. Und ganz wichtig, wir wollen durch das Barfußlaufen nicht an Dingen gehindert werden, die uns am Herzen liegen. Ich laufe z.B. weiter Ski.

 

Was sagt ihr zu den Barfußschuhen?

Wolfgang: Oh, das ist ein schwieriges Thema. Der Begriff ist ja eigentlich ein bisschen verrückt. Da könnte man Nachthemden ja auch als „Nackthemden“ verkaufen. Wir benutzen sie jedenfalls immer dann, wenn wir an die vorher erwähnten Grenzen stoßen. Die Modellpalette ist ja inzwischen riesig. Wir finden es auch sehr gut, dass die Menschen mit diesen Schuhen endlich die Möglichkeit bekommen, in Beruf und Freizeit Schuhe zu tragen, die den Fuß nicht mehr einengen und den Aufbau der Fußmuskulatur fördern. Das tolle Gefühl des Barfußlaufens können aber selbst die leichtesten Modelle nicht vermitteln. Obwohl das viele Minimalschuhhersteller behaupten, während sie gleichzeitig die Menschen in ihrer Angst vor Verletzungen beim richtigen Barfußlaufen und der Reaktion der Mitmenschen bestärken, was mit der Realität nichts zu tun hat. Minimalschuhe können aber eine Brücke zum richtigen Barfußlaufen sein. Übrigens: Auch in Barfußschuhen muss man seinen Laufstil Richtung Vorfuß umstellen, sonst können sie gesundheitliche Schäden hervorrufen.

Eva & Wolfgang mit Minimalschuhen

Wie sollte man die Füße pflegen?

Wolfgang: Barfüßer pflegen ihre Füße wahrscheinlich wesentlich mehr als Schuhträger. Z.B. waschen sie ihre Füße gründlich, bevor sie ins Bett steigen. Das Barfußlaufen trocknet die oberste Schicht der Fußhaut aus. Je älter man wird, desto mehr muss man diesen Feuchtigkeitsverlust mit Urea-haltigen Hautcremes- oder -schäumen wieder beheben. Je nach Hauttyp sind auch fetthaltige Cremes erforderlich. Das ist individuell verschieden.

Eva: Gerade auch die Fußnägel sollten beim Barfußlaufen gepflegt sein. Barfuß zum Kleid, vielleicht mit einem netten Fußkettchen – das ist ein Hingucker. Besonders im ÖPNV oder im Wartezimmer einer Arztpraxis haben die Mitmenschen viel Zeit, um uns auf die Füße zu schauen.

Ausführliche Infos mit vielen Tipps findet ihr auf ihrem Blog unter —> Fusspflege

Zeigt her eure gepflegten schönen Füße.

Barfuß Radfahren macht das Sinn?

Wolfgang: Klar macht das Sinn, es sei denn, man ist ein wilder Mountainbiker, der auf steilen und komplizierten Singletrails unterwegs ist. Da würde ich dann wegen der Verletzungsgefahr doch Schuhe empfehlen. Ansonsten gibt es inzwischen wunderbare Barfußpedale, die das barfüßige Radfahren zum Vergnügen machen.

Was wünscht ihr euch für die Gesellschaft?

Eva: Dass Andere den Mut haben, selbst einmal die Schuhe auszuziehen, um dieses besondere Lebensgefühl zu erfahren.

Wolfgang: Dass uns die Menschen als Barfußläufer nicht mehr beachten, weil es zum Normalfall geworden ist.

Übrigens haben wir zu vielen Deiner Fragen auf unserer Webseite (barfussblog.de) bereits ausführliche Beiträge veröffentlicht. Z.B. zu den Grenzen, zum barfüßigen Radfahren, zur Fußpflege und zu Barfußschuhen. Außerdem gibt es da einen ausführlichen Leitfaden für Barfußeinsteiger, den sich jeder kostenlos herunterladen kann.

Und wer alles über meinen Einstieg in die Barfußwelt erfahren will, kauft sich mein Buch „Fünf Jahre barfuß“, das auch viele Tipps für Einsteiger bereit hält.

 

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